Unsere Haut ist nicht nur eine Grenze nach außen, sie ist auch ein feines Hörorgan für Nähe. In ihr liegen besondere Nervenfasern, die sogenannten CT-Fasern, die fast nur auf eine bestimmte Art von Berührung antworten: langsam, sanft, warm. Eine streichelnde Hand spricht direkt zu eurem Nervensystem, oft noch bevor ein Wort fällt.

Wenn diese Fasern angesprochen werden, geschieht im Körper etwas Leises und Schönes. Das Bindungshormon Oxytocin steigt, das Stresshormon Cortisol darf ein Stück weit sinken. Berührung wird so zu einer Sprache der Beruhigung, die ihr beide ohne große Anstrengung sprechen könnt, ganz in eurem Tempo.

Vielleicht kennt ihr auch das Gegenteil: Phasen, in denen Berührung knapp wird. Dafür gibt es ein schönes Wort, Skin Hunger, der Hunger der Haut. Dieses Modul lädt euch ein, dieser angeborenen Sprache mehr Raum zu geben, wenn ihr mögt, neugierig und ohne Ziel, einfach um zu spüren, was langsame Wärme mit euch macht.

Langsam, warm, ~3 cm/s, so spricht Berührung zum Nervensystem.

Übungen

Gut zu wissen

CT-Fasern: gemacht fürs Streicheln

In behaarter Haut liegen besondere Nervenfasern, die C-tactile- oder CT-Fasern. Sie feuern am stärksten bei langsamer, sanfter Streichbewegung von etwa 1 bis 10 cm pro Sekunde, mit einem Optimum um 3 cm pro Sekunde. Genau dieses Tempo wird in Studien auch als am angenehmsten erlebt, schnellere oder langsamere Bewegungen sprechen die Fasern weniger an.

Löken et al. 2009, Nature Neuroscience

Oxytocin: das Hormon der Nähe

Sanfte, zugewandte Berührung kann die Ausschüttung von Oxytocin anstoßen, das oft Bindungshormon genannt wird. Oxytocin fördert Gefühle von Vertrauen und Verbundenheit und kann angenehme Berührung subjektiv noch angenehmer machen. So verstärkt Streicheln genau die Empfindungen, die Paare einander näherbringen.

Scheele et al. 2014, PNAS

Cortisol darf sinken

Berührung wirkt nicht nur auf das Wohlgefühl, sondern auch auf die Stressachse. Angenehme, ruhige Berührung ist mit niedrigeren Werten des Stresshormons Cortisol verbunden und kann helfen, Herzschlag und Anspannung zu beruhigen. Schon eine bewusst gehaltene Umarmung kann diese beruhigende Antwort unterstützen.

Ditzen et al. 2007, Psychoneuroendocrinology

Skin Hunger: wenn Berührung fehlt

Fehlt über längere Zeit körperliche Nähe, spricht die Forschung von Touch Deprivation oder umgangssprachlich Skin Hunger. Berührungsmangel ist mit mehr Stress, gedrückterer Stimmung und Gefühlen von Einsamkeit verbunden. Die gute Nachricht: Schon kleine, regelmäßige Berührungen können diesem Hunger der Haut entgegenwirken.

Field 2010, Developmental Review

Warme Hände sprechen deutlicher

Die CT-Fasern reagieren nicht nur auf Tempo, sondern auch auf Temperatur. Am stärksten antworten sie auf Berührung in der Nähe normaler Hauttemperatur, also rund 32 Grad, also auf eine angenehm warme Hand. Kurz die Hände aneinander zu reiben, bevor ihr streichelt, ist daher mehr als nur ein netter Auftakt.

Ackerley et al. 2014, Journal of Neuroscience